Mit dem Fahrrad und dem Sohn durch Skandinavien. Was für manch einen unglaublich, verrückt oder unmöglich klingt, unternahm Jette Lippmann mit Ihrem Sohn. Vier Monate durch Skandinavien. Eine Elternzeitreise der besonderen Art.
Jette stand uns Rede und Antwort….
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1988 wurde ich in einem Dorf im Saalekreis in der Nähe von Halle (Saale) geboren, bin dort zur Schule gegangen, zum Studium in die Stadt gezogen und lebe nach wie vor in Halle.
Zwei Wochen nach dem Schulabschluss bekam ich erst einmal meine große Tochter und begann ein Jahr später mein Lehramtsstudium. Heute Arbeit ich als Lehrerin für die Fächer Biologie und Sport. Die Ferien nutze ich für mehr oder weniger lange Touren, die in meinen Augen auch wunderbar die beiden Fächer verbinden, mich fördern und weiterbilden.
Ich komme aus einer sehr sportlichen Familie, wo es immer aktive Urlaube und kleine Outdoor-Abenteuer gab, sei es beim Paddeln, Radfahren, Wandern oder Skifahren. Somit gehörte Sport immer zu meinem Alltag, obwohl ich nie wirklich Leistungssport betrieben habe. Es ist eine Möglichkeit, sich auszuprobieren, mit anderen zu messen und seine Grenzen zu erproben. Radfahren im Besonderen bedeutet Freiheit für mich.
Im Radfahren erreicht man die perfekte Reisegeschwindigkeit, um in doch recht kurzer Zeit weite Strecken zurückzulegen und Orte zu erkunden, dabei aber nichts zu verpassen. Zudem kann man das Rad nahezu immer stehen lassen und sich einen Moment Zeit nehmen an Ort und Stelle. In diesem Sinne bedeutet Reisen zuerst einmal erkunden: Orte, Landschaften, Kulturen, Geschichte oder vieles mehr.
Neulich habe ich mal grob überschlagen, dass dieses Rad mit mir bereits um die 25.000km gefahren ist. Es gab einige längere Touren wie beispielsweise die Donau-Radtour von Regensburg bis ans schwarze Meer oder eine Tour entlang des Baltikums von der deutschen Ostsee bis nach Sankt Petersburg, die Balkantour von Zagreb bis nach Olympia – ein Traum für mich als Sportlehrerin.
Ich fahre nicht so gern in die Berge, daher folgten vielen Strecken eher entlang von Flüssen oder Küsten, wie die Touren an der spanisch – portugiesischen Atlantikküste von Bilbao bis Lissabon und von Sevilla nach Barcelona, die Nordseetour von Emden über die Benelux-Länder nach Frankreich oder die Stiefelumfahrung in Italien und nicht zu letzt die Coté d Azur- Tour von Strasbourg über Lion und Sant Tropez über Nizza, Cannes, Monaco nach Mailand. Allerdings habe ich mich noch nicht weiter als das europäische Festland bisher getraut.
Normalerweise bereite ich mich so gut wie gar nicht vor. In der Zeit als Triathletin dienten die Touren eher der Saisonvorbereitung. Für diese Reise hingegen waren viele Gedanken im Vorhinein nötig. Zum Einen besuchte ich Radvorträge anderer Reisenden, die ähnliche Routen oder/und unter ähnlichen Bedingungen gefahren waren. Dort bekam ich wertvolle Hinweise für meine Planungen. Einer dieser Hinweise war der Umgang mit der Kälte, welche Thomas Meixner in seinem Bericht erwähnte, denn in Skandinavien muss man mit Wind, Regen und Kälte rechnen.
Ganz konkret ließ ich meinen Schlafsack neu mit Daunen befüllen, um die optimale Wärmeleistung zu erhalten und besorgte einen Thermosack für den Kinderwagen, zudem hatten wir Thermoskannen für die Getränke und ein Kuscheltier mit einer integrierten Wärmflasche sowie Kleidung aus Merino-Wollen, dünne Daunenjacken und -hosen, spezielle Regenkleidung für das Rad und warme Mützen sowie Handschuhe.
Zudem unterhielt ich mich mit Freunden, welche in Skandinavien leben, um Informationen über gewisse Infrastrukturen zu bekommen. Ein befreundeter Arzt half mir, sinnvoll Reiseapotheken für die lange Zeit zu packen und die Radschrauber meinen Vertrauens bauten das Rad entsprechend um, da einige Anpassungen nötig wurden mit dem Gepäck und Kind. Nach zwei Probetouren konnte ich dann realistisch einordnen, welche Streckenlängen zu bewältigen sind an einem Tag und wie viel Steigung ich fahren kann. Dies wurde später sehr relevant in den Planungen, gerade weil Skandinavien doch teils sehr einsam, Streckenabschnitte lang und Norwegen sehr bergig werden kann.
Wieso zum Nordkap? Die Frage stimmt so nicht richtig, würde ich sagen. Es war nicht das erklärte Ziel, zum Nordkap zu fahren. Ich wollte gern unterwegs sein. In vielen südlichen Ländern war ich bereits und Skandinavien hatte ich noch nicht „erfahren“. Wenn du aber jemandem erzählst, du möchtest gern 4 Monate durch den Norden Europas fahren, dann halten dich noch mehr Menschen für verrückt, als ohnehin. Im Vorfeld musste ich mir doch immer wieder Kritik und zum Teil Vorwürfe anhören, wenn ich von meinem Vorhaben berichtete.
Irgendwie ist es eher akzeptiert und sorgt für Respekt, wenn du sagst: Ich fahre zum Nordkap. Warum auch immer. Also sagte ich das so. Im Endeffekt war ich auch dort, aber es wäre auch völlig in Ordnung gewesen, „nur“ um die Ostesse zu fahren oder „nur“ bis zum Polarkreis oder nach Inari. Die Frage ist also eher: Warum Skandinavien? Hier gibt es viele Gründe. Zu allererst ist es Europa und großenteils die europäische Union. Man bekommt als EU-Bürger keinerlei Probleme bei Grenzkontrollen, braucht kein Visum, hat keinen Termindruck beim Reisen, weil Zeiten der Visa eingehalten werden müssen.
Zudem sprechen alle Menschen dort fließend Englisch, sodass es keine Kommunikationsprobleme gibt, sei es bei der Wegbeschreibung, in Unterkünften oder beim Arzt. Des Weiteren ist die Infrastruktur an Krankenhäusern, Straßen, Flughäfen …soweit gut ausgebaut, dass es immer einen Weg gäbe zum Abbruch, falls nötig. Dieses Back up brauchte ich beim Alleinreisen mit Kind, falls es ihm oder mir so schlecht gehen sollte, dass wir nicht weiterkommen. Skandinavien ist sehr kinderfreundlich, auch dies war ein Grund. Zu guter letzt habe ich Angst vor Hunden und der Dunkelheit.
Nach Hetzjagden und Angriffen wilder Hunde in Griechenland und Rumänien, ist es einfach beruhigend, dass es dieses Problem in Skandinavien nicht gibt. Ab dem Polarkreis gab es keinen Sonnenuntergang mehr, für mich sehr beruhigend und entschleunigend.
Tatsächlich gab es im Vorfeld einige Zweifel, über gut gemeinte Ratschläge, Sorgen bis hin zu auch bösartigen Kommentaren. Mit Besorgten und Zweiflern konnte ich sprechen, beruhigte beispielsweise die Omas der Familie und meldete mich täglich mit Bildern und Berichten. Die gut gemeinten Ratschläge hörte ich mir an und wägte ab, gerade von den Menschen, die sich gut auskannten in Skandinavien und/oder beim Radreisen.
Die bösartigen Kommentare versuchte ich zunächst zu entkräften, musste aber feststellen, dass die Mühe kaum lohnt. Es gibt manchmal Situationen, in denen redet man komplett aneinander vorbei. Es wird immer Menschen geben, die sich nie vorstellen oder gar nachvollziehen können, was ich vorhatte und erlebt habe. Das ist auch okay. In der Zeit, in der ich unterwegs war, hatte ich nur Kontakt zu Freunden und Verwandten, pflegte aber keine SocialMedia-Portale, sodass die Kommentare auch ausblieben.
Mir wurde in Härnösand (Schweden) an der Höga Küste ein Großteil des Gepäcks gestohlen, das war ein harter Schlag. Es war ein kalter Tag, wir kamen in der Stadt an in der Nebensaison, es waren keine Zeltplätze verfügbar. Somit suchten wir uns ein kleines Hotel mitten in der Stadt. Viele Apartments, auch Holzhütten oder Ferienwohnungen kann man online buchen und per Türcode einchecken. Ich nehme an, der Türcode wurde weitergegeben an Menschen, die wohnungslos sind und auch Wärme und warme Ausrüstung suchten.
Das ist nur eine Annahme, denn man konnte nie nachweisen, wer die Dinge aus dem Hotelflur heraus gestohlen hat. Auffällig war eben, dass uns Spielsachen, Essen und alle warmen Dinge (Isomatten, Schlafsacken, Thermosack aus dem Kinderwagen) gestohlen wurden, aber nichts am Rad beschädigt oder zerstört. Mit dem Diebstahl verbanden sich mehrere Probleme. In der nächsten Stadt besorgte ich mir neue Fahrradteile und Werkzeug sowie Luftpumpe. Neue Isomatten, Schlafsäcke usw konnte ich erste 2 Wochen später wiederbeschaffen, da die Packlogistik doch kompliziert war und ich immer schauen musste, dass ich alle Gepäckstücke trocken und sicher verstauen kann.
Am schlimmsten für mich war, dass Julius nun fror auf den Fahrten, denn der Thermosack, der ihn bisher warm und trocken hielt, lies sich trotz aller Bemühungen, vielen Mails mit Versandfirmen, Outdoorläden und dem Thulestore direkt nicht wiederbeschaffen oder nachsenden. Hier kam das Glück zu Hilfe. Auf einen Hilfeaufruf hin meldete sich ein Freund aus meiner Heimatstadt, den ich vom Training kannte. Wie es der Zufall so will, fuhr er die gleiche Coastline, war zum Zeitpunkt des Telefonats noch in Stockholm und konnte dort einen neuen Thermosack kaufen, welche er uns zwei Tage später diesen on the road vorbrachte.
Dies rettete uns tatsächlich die Tour. Neben dem Material und dem finanziellen Schaden prägte uns dieses Ergebnis beide doch tief. Ich ertappte mich fortan, wie ich hemdsärmlich alles verriegelte, was nur möglich war, das Rad immer in Sichtweite behielt und schlecht schlief mit 2 Messern unter dem Kopfkissen in den Nächten. Julius fragte nahezu täglich, ob die Bösen nachts wiederkommen und seine Spielsachen stehlen. Über diese Unsicherheit hinwegzukommen, dauerte noch viele Wochen an, auch wenn wir materiell wieder gut aufgestellt waren.
Im Vorfeld hatte ich doch einige Sorgen vor Herausforderungen, die ich vielleicht noch gar nicht absehen konnte. Am ersten Tag konnte ich nahezu nichts essen, weil ich schlichtweg so Angst hatte vor meiner eigenen Courage und alle dem, was vor uns stand. Aber irgendwann ist man einfach unterwegs. Ein Reisender, den ich traf, sagte mal: Man braucht den Mut, die Tür hinter sich zu schließen und alle gewohnten Sicherheiten hinter sich zu lassen. Das trifft es ganz gut.
Herausforderungen, so steckt es im Namen, fordern und fördern, man sollte sie nicht als negativ ansehen. Rückblickend betrachtet war schon der Diebstahl die größte Herausforderung, weil ich einfach überhaupt nicht damit gerechnet hatte und dementsprechend nicht darauf vorbereitet, nicht mental, nicht finanziell, nicht planerisch. Ebenso war nicht abzusehen, wie sich Julius über dieses lange Zeit verhalten wird, wie wir mit Stresssituationen umgehen oder auch mit Heimweh. Auch diese Situationen haben wir aber gemeistert und sind uns näher geworden.
Wie bereits erwähnt, war es nicht mein unbedingten Ziel, zum Nordkap zu fahren. Dennoch war es natürlich ein besonderer Moment. Wir hatten auch an diesem Tag so super viel Glück und ich erinnere mich heute noch so gern daran zurück. Am Nordkap kann man große Probleme mit Wind und Kälte bekommen, das Gelände ist exponiert, der Weg nochmal sehr bergig mit Steigungen von 9 Prozent. In der Wettervorrausschau bummelte ich einige Tage herum bei Schneesturm. Wir kamen schließlich bei tollster Sonne und mit Rückenwind zum Nordkap.
So konnten wir die Zeit genießen mit Picknick, Gespräche, einer kleinen Wanderung, einem Besuch im Museum und shoppen. Unter anderem trafen wir Johann und Evelin aus Frankreich. Für die beiden war das Kapp das Ende ihrer einjährigen Fahrradweltreise. Am nächsten Tag stiegen sie in die Fähre für den Nachhauseweg. Ein Schweizer, der ebenfalls mit uns ankam, wurde von seinem Vater abgeholt und sie flogen nach Haus am Folgetag. Sie konnten sich gar nicht trennen und das Losfahren viel ihnen schwer.
Für mich war es ein sehr schöner Tag, aber eben nur ein Zwischenschritt und ich war sehr froh, dass die Reise nun nicht beendet war, sondern wir am nächsten Tag wieder ein Stück weiterfahren konnten im Abenteuer mit Ausblick auf die Dinge, die noch vor uns lagen.
Als Biologin waren für mich die zahlreichen Begegnungen mit den Tieren immer wieder besonders, wurden über die Wochen dann doch so normal. Ich hatte mich so unglaublich darauf gefreut, Elche und Rentiere zu sehen. Dadurch, dass man mit dem Rad doch recht leise unterwegs ist, auch keinerlei Gefahr darstellt, kommt man den Tieren sehr nah und wenn ein Elch knapp 1 Meter entfernt vor dir steht, dann bleibt dies in Erinnerung. Ein ähnliches Erlebnis gab es im äußersten Osten Norwegens. Die Küstenlinie ist bekannt bei Ornithologen, wird bereist für Beobachtung und Fotoaufnahmen.
Mir war das im Vorfeld gar nicht bewusst. Zuerst bemerkte ich es, als beim Aufwachen am Morgen 8 Vogelkundler mit riesigen Spektiven neben meinem Zelt standen und die Seeadler am Ufer beobachteten. Neben den Natur- und Landschafteindrücken habe ich die Zeitlosigkeit als ganz besonders wahrgenommen. Wenn es nicht mehr dunkel wird, du mit Essen versorgt bist und autark in der Unterkunft dank Zelt und Jedermannsrecht … dann spielt Zeit keine Rolle mehr. Wir wurden immer ruhiger, saßen stundenlang an Seen, schliefen bis mittags und radelten bis in die Nacht. Julius drückte es immer aus mit: Ich schlafe dann später, Mama.
Für mich bedeutete es, dass ich ihn nicht mehr drängen musste zu irgendetwas. Später zu Haus im Alltag fiel mir auf, wie Besonders diese Zeit war. Im normalen Alltag mit Arbeitsstress, Hobbys, 3 Kindern, Garten, Haushalt und und und, hast du nahezu nie einen Moment, um die Kinder einfach im Hier und Jetzt zu lassen. Es gibt immer einen Termin, einen Zeitdruck oder noch etwas zu erledigen. Aber dort oben, weit weg, ohne jede Verpflichtung, da konnte Julius am See sitzen und spielen, bis er irgendwann sagte: Ich steige ein, wir können weiterfahren. In diesen Momenten lernst du tatsächliche Entschleunigen sowie deinen eigenen Biorhythmus kennen.
Das Thema Versicherungen gehört zu meinen großen Fails. Tatsächlich habe ich keine Ahnung, ob meine Versicherung gegriffen hätte. Ich bin privat versichert und habe zudem eine sehr gute Auslands- und Unfallversicherung aufgrund meiner Hobbys (klettern, skifahren, boarden) und des Jobs als Sportlehrerin.
Aber nachgefragt habe ich vorher nicht, was tatsächlich nicht ratsam ist. Mein Back up, was mir allerdings half, war ein guter Freund und Oberarzt, selbst Abenteurer und Papa von 2 Kindern. Mit ihm besprach ich im Vorhinein einige Dinge und kontaktierte ihn auch, als Julius krank wurde.
Das wichtigste Teil war wohl neben meinem Fahrrad der Anhänger mit allem Drum und Dran. Die Entwicklung der Radanhänger wurde in den letzten Jahren immer besser. Heute sind sie so durchdacht bis ins kleinste Detail und halten unglaublich viel aus. An kalten Tagen war der Kocher unerlässlich, sei es, um einen Tee zu brühen oder eine Suppe, welche die Gemüter wieder erwärmt oder die Wärmflasche neu aufzufüllen.
Hingegen gab es mehrere Dinge, die 7.000km mitgefahren sind, ohne ein einziges Mal benutzt worden zu sein. Das waren Mückenschutzhüte, Mückenspray, die Medikamente, die ich für mich eingepackt hatte sowie Flickzeug. Die Dinge nicht benötigt zu haben, war ein großes Glück, dennoch würde ich sie nicht als unnütz bezeichnen.
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich wohne in Halle an einer großen Kirche, die man von weit her und aus jeder Richtung sieht, wenn man in die Stadt kommt. Immer, wenn ich diese Pauluskirche sehe, freue ich mich, wieder nach Hause zu kommen. Mit dem Wort zu Hause kann ich Erinnerungen verbinden, an Kindheit, Situationen, Freunde und auch Orte.
Aber Heimat ist ein Begriff, mit dem ich nicht viel anfangen kann, fürchte ich. In Anbetracht der politischen Entwicklungen der letzten Jahre sowie der anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, trage ich mich eher mit dem Gedanken, fortzugehen, weil ich mich nicht genug verwurzelt fühle bzw. mich nicht genug mit dieser Heimat hier identifizieren kann, um diesen Entwicklungen standzuhalten. Volker Pispers sagte dazu mal: „Ich habe so viel damit zutun, Mensch zu sein. Zum deutsch sein, komme ich nur sehr selten.“
Es gab bei der Reise einige Risiken. Es war beispielsweise riskant, so früh im Jahr loszufahren und stellte sich als eine der besten Ideen heraus, weil wir allein waren oder weil es keine Mücken gab aufgrund der noch gefrorenen Seen und vieles mehr.
Es war riskant, mit einem kleinen Kind allein so weit zu fahren, ohne zu wissen, wie er mit Heimweh umgeht und ob wir beide gesund bleiben. Es ist möglicherweise immer riskant, als Frau allein unterwegs zu sein, im Wald zu übernachten. All das hat mich geprägt, meinem Sohn noch näher gebracht, Mut gemacht. Also nein, ich würde nichts anders machen.
Einige Dinge haben sich verändert. Ich hoffe, dass sie noch lang nachwirken. Gravierend war mein Drang nach Minimalismus. In unserer Wohnung, in der wie zu fünft wohnen, stehen natürlich 1000Dinge herum und ich habe das kaum ertragen. Niemand braucht 10 T-Shirt und 10 Pullover, wenn du gerade 4 Monate mit 2 Stück zurechtgekommen bist. Zu Hause angekommen, habe ich 2 Wochen lang aussortiert und weggegeben. Heute gibt es die Regel, man darf nichts Neues kaufen, wenn man nicht wenigsten 2 adäquate Dinge aussortiert hat. Zudem versuche ich dieses Gefühl der Zeitlosigkeit ein bisschen zu bewahren, zu erinnern. Für Julius waren die zahlreichen Museen sehr eindrücklich, die wir auf der Reise besucht haben.
In Skandinavien wird an vielen Stellen anders mitgedacht für Kinder, seien es die Bibliotheken, die kostenfreien Museen, in denen man alles ausprobieren und anfassen darf oder die Spielecken in Restaurants. Wir haben zahlreiche Orte der Kinderbuchautoren besucht, die Museen in Rovaniemi und Inari zur Kultur der Sami und bis heute müssen wir wenigsten einmal pro Monat in unser Museum hier für Vor-und Frühgeschichte, damit er wieder ein Mammut anschauen kann.
Zudem hat er gelernt, vorsichtig zu sein, mit Feuer umzugehen oder ich mit Messern zu schnitzen. Zu Hause genieße ich am meisten das große, warme Bett sowie frisch gekochtes Essen, vermisse aber das viele Draußensein.
Als Tipp für Reisende würde ich immer geben: Habt einen Arzt auf der Kurzwahltaste, es sei denn, ihr seid selbst einer. Für Radreisende kommt noch dazu: Habt einen Radschrauber auf der 2. Kurzwahltaste, es sei denn, ihr könnt immer alles selbst reparieren. Ansonsten lernt man viel unterwegs, man muss nur einfach losfahren.
Kleinere Touren stehen dieses Jahr an durch Tschechien beispielsweise. Julius wird 2028 eingeschult. Aktuell habe ich die Überlegung, in dem Frühjahr nochmal eine Auszeit zu nehmen und mit ihm zusammen eventuell um die Nordsee zu fahren auf dem Eurovelo 12.
Der Anspruch wäre aber komplett neu, denn er müsste selbst fahren. Bis dahin vergeht noch viel Zeit und wir werden sehen, ob wir es in Angriff nehmen oder vielleicht ein Teilstück erfahren oder etwas ganz anderes ausprobieren. Auf jeden Fall fragt er auch immer wieder, ob wir nochmal ins Abenteuer fahren. Ich denke, dies wird geschehen, die Ideen dafür sammle ich noch.
Jette – wir Danken für das Interview und wünschen weiterhin Erlebnissreiche Reisen.